"Die Landfrauen sind mit Bildungsarbeit groß geworden."

Ihren Mann hat sie übers erste Ehrenamt kennengelernt. „Wir waren damals beide in der Landjugend“, erinnert sie sich und ihre kristallblauen Augen leuchten. Er arbeitete auf seinem Bauernhof, sie war zunächst Sozialarbeiterin in einem Berufsbildungswerk für lernbehinderte Jugendliche. Doch immer öfter fragte er sie nach ihrer Einschätzung zu landwirtschaftlichen Fragen. Weil ihr das entsprechende Know-how fehlte, kündigte sie ihren Job, um ganz auf dem Hof einzusteigen. Ihr Mann war skeptisch, „aber es war ja meine Entscheidung und die habe ich bis heute noch keine Minute bereut!“ Wenn Agnes Witschen redet, scheint sie fast immer auch zu lächeln.

„Du hast zwei Hauptjobs.“ – sagt ihr Mann. Vor rund 20 Jahren stieg Agnes Witschen bei den Landfrauen ein, seit 2006 ist sie Vorsitzende der Landfrauen Weser-Ems. Im ländlichen Raum sind lange Autofahrten unausweichlich, entsprechend groß ist der Zeitaufwand: „Ich bin etwa drei Tage die Woche ehrenamtlich unterwegs“, sagt Agnes Witschen nach kurzem Rechnen. Unterwegs zu anderen Verbänden und Frauen – für Gespräche und eine bessere Vernetzung.

Dieser Austausch sei sehr wichtig, denn so können Schwerpunktthemen flächen- deckend in Angriff genommen werden: Die Struktur des ländlichen Raumes, Ärztemangel, Verkehrsverbindungen, die mangelnde Breitbandversorgung. „Wer stundenlang auf eine Internetverbindung wartet, kann sich nicht selbständig machen und das geht natürlich nicht“, sagt die landwirtschaftliche Unternehmerin. „Engagiert euch in den Kommunalparlamenten“, rate sie den Frauen jeweils, „denn es macht einen Unterschied, ob da nur Männer oder auch Frauen sitzen.“ Wenn beispielsweise der einzige Arzt in der Region in Pension geht, nehmen Männer längere Fahrten zur nächsten Praxis häufig in Kauf, während Frauen nach Alternativen suchen, indem sie Anreize für junge Ärzte schaffen wollen.

"Der Felsbrocken kriegt langsam Risse.“ Agnes Witschen wirkt zuversichtlich, als sie eines der großen Projekte der Landfrauen anspricht, das nun langsam in der Politik Gehör findet: Hauswirtschafts-Unterricht an Schulen. „Da geht es nicht darum, dass man später mal gut Kuchen backen oder putzen kann, sondern dass man lernt, seine Ressourcen sinnvoll einzusetzen.“ Stichwort Verschuldung. Stichwort Verbraucher- schutz. „Lebens- und Alltagsökonomie“ nennt das der Landfrauenverband. Einfache Hygieneregeln, der Umgang mit Lebensmitteln oder Geld, „das müsste eigentlich jeder können: Jede Frau und jeder Mann.“ Deshalb die Forderung nach diesem lebensnahen Unterrichtsfach.

Agnes Witschen sieht auch Erfolge in der Bildungsarbeit durch Vorträge, Diskus- sionen und Seminare. Dabei werden teils heikle Themen besprochen, wie Organ- spende oder die Früherkennung von Brustkrebs. Die Landwirtin erlebt immer wieder, dass sich Frauen in einem geschützten Rahmen plötzlich trauen Fragen zu stellen, wodurch Vorurteile abgebaut werden. Das habe auch damit zu tun, dass der gesellige Teil bei den Landfrauen ebenso wichtig sei wie das Sachliche. „Geselligkeit gehört dazu, das lockert die Atmosphäre.“ Gegen das Image, Landfrauen seien etwas „stoffelig, ein bisschen rückständig, in Gummistiefeln, mit Schürze und Knoten“, wehrt sich Agnes Witschen entschieden: „Solche Landfrauen habe ich noch nie kennengelernt!“

Was mich bewegt:
„Diese verschiedenen Frauen mit ihrer Kreativität, Lebenserfahrung, ihren Biographien, Sichtweisen und Ideen kennenzulernen, ist fantastisch! Schon allein dafür lohnt sich das Ehrenamt. Das ist persönliche Bereicherung hoch zehn!“

Ehrenamt:
Vorsitzende Landfrauenverband Weser-Ems e.V. / in verschiedenen Verbänden und Gremien tätig, u.a. bei der Landwirtschaftlichen Sozialversicherung

Porträt Agnes Witschen als Download

Text und Audiobeitrag: Andrea Schwyzer

Fotos: Erika Ehlerding