"Es ist nicht so, dass Du ein Kind kriegst, und der Staat macht dann."

Das Praktische auf dem Land, wenn man eine junge Familie ist? – Dass die Großmutter ja auch noch da ist. „Die Großeltern sind nicht automatisch da!“, widerspricht Antje Jäger. Das gilt im Besonderen für einen Ort wie Rotenburg mit vielen zugezogenen Pendlern. Außerdem arbeiten die Großeltern häufig selbst noch. Antje Jäger spricht von Gesellschaftswechsel, von fehlendem Know-how bezüglich Alltagskompetenzen. „Viele Mütter wissen nicht mehr, was sie mit ihren Kindern machen sollen.“ Und viele von denen haben nach der regulären Betreuung durch die Hebamme weiterhin angerufen, weil sie überfordert waren, Fragen hatten. „In Rotenburg gab es gerade mal eine Krippe und ab drei Jahren den Kindergarten“, sagt Antje Jäger und zieht die Augenbrauen hoch. Sie arbeitet seit 31 Jahren als freiberufliche Hebamme. Ihre Natürlichkeit ist entwaffnend.

 

In keckem Ton erzählt die dreifache Mutter von der ersten Gruppe, die sie zusammen mit einer Sozialpädagogin und einer Kinderkrankenschwester beim Präventionsrat ins Leben gerufen hat: Zum ersten Treffen kamen 22 Mütter und Väter, zum zweiten 27. Und alle mit ihren Kindern. „Es war furchtbar – und es war ein Knaller!“ Mehr Platz musste her.

Es folgte die Vereinsgründung, der Bezug der kostenlosen Räume der Stadt, die Gründung eines Mütterzentrums. „Seitdem rumst die Bude!“, konstatiert die erste Vorsitzende von SIMBAV. Der Vereinsname setzt sich aus folgenden Worten zusammen: Schwangere, Information, Mütter, Babys, Austausch, Väter. Entsprechend gestaltet sich das Angebot: Gruppen für Krabbler, Alleinerziehende, Zwillings- oder Teenie-Mütter, betreutes Schwimmen, Musikförderung, Papa- und Opa-Treff, gemeinsames Kochen, Kasperltheater, Vorträge zu Kinderschutz und Kinderentwicklung, Informationsabende, um beim Beantragen von Eltern- und Kindergeld zu helfen und natürlich ein Quatsch-Café. „Für die Gruppen will ich möglichst Fachkräfte“, sagt Antje Jäger. Die Angebote sind oft kostenlos – „Wir leben ja von Spenden und Zuschüssen.“ Und von der Freiwilligenarbeit.

 

Mittlerweile engagieren sich über 70 Personen, sporadisch bis regelmäßig. Fast alle sind Eltern, die selbst die Angebote von SIMBAV nutzen. Und genau das ist der Sinn der Sache, freut sich Antje Jäger: „Dass es ein Miteinander von verschiedenen Gesellschaftsschichten gibt – und alle ziehen gemeinsam ihre Kinder groß.“ Ein Geben und Nehmen, so wie es die Hebamme von früher kennt. Damals, als die Großmütter tatsächlich noch in der Nähe waren.

Die Hilfsbereitschaft unter den Familien türmte sich irgendwann in Antje Jägers Keller und den Abstellräumen der zweiten Vorsitzenden: „Berge von Spenden!“ Baby-Spielzeug, Kinderklamotten, Schwangerschaftskleider, Bücher, Kinderwagen... Aus dieser Spendenflut entstand die Idee von „DÜT & DAT“. Der Laden in der Innenstadt von Rotenburg ist seit rund drei Jahren Dauerflohmarkt und Treffpunkt zugleich. „Du kannst dort stillen, durchgucken, quatschen oder auch einfach nur aufs Klo gehen.“ Eine Netzwerkstatt, real und unkompliziert.

SIMBAV ist heute für alle Familien in der Region ein Begriff – bestimmt auch wegen Antje Jägers direktem Zugang zu den Leuten. „Ich stehe voll hinter diesem Projekt. Ich glaube es ist sogar so gut, dass es auf alle Kleinstädte übertragbar ist und ganz viele davon profitieren würden.“

Was mich bewegt:
„Heute nennt man es Ehrenamt, aber eigentlich ist es ein soziales Miteinander – so wie ich es von früher kenne. Wir haben so viele Mütter und Väter die durch SIMBAV gelernt haben, dass sie zuständig sind für ihr Kind. Diese Entwicklung mitzuerleben macht mir Spaß!“

Ehrenamt:
Vorsitzende des Vereins SIMBAV e.V. / Vorstand Hebammenverband Niedersachsen / Mitglied Steuerungsgruppe Netzwerk „Frühe Hilfen“ Landkreis Rotenburg

Porträt Antje Jäger als Download

Text und Audiobeitrag: Andrea Schwyzer

Fotos: Erika Ehlerding