"Politik ist nicht trocken und langweilig, sondern absolut spannend!"

"Die autonome Frauenbewegung in Braunschweig war noch relativ neu.“ Das war Ende der 70er-Jahre. Die Zeit, in der Christa Karras angefangen hatte sich in der „§218-Gruppe“ zu engagieren. Der Paragraph 218 regelt den Schwangerschafts- abbruch. Ob sie ihr Kind behalten wollte, durfte eine schwangere Frau damals nicht selbst entscheiden: Gutachten des Arztes, Klinikbesuche, der Zwang, den Schwangerschaftsabbruch mit Prostaglandin wie eine Geburt erleben zu müssen, Bett an Bett mit jungen Müttern und ihren Babys. „Eine untragbare Situation!“, erinnert sich Christa Karras. Im Frauenzentrum in Braunschweig sei sie aber nicht nur in der §218-Beratung aktiv gewesen, sondern auch mit allen weiteren Problemen konfrontiert worden, von denen Frauen betroffen waren: Der Gesetzgebung, Erwerbs(un)möglichkeit, Gewalt – Christa Karras ist eine der Gründerinnen des Autonomen Frauenhauses Braunschweig.

Der Blick auf ihr Leben habe sich dadurch verändert, sagt sie rückblickend. Sie habe endlich darüber nachgedacht, was es heißt eine Frau zu sein „und entschieden, feministische Politik zu machen.“ Plötzlich sei sie mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein durchs Leben gegangen. Aus der Hausfrau und Mutter, die nichts zu sagen hatte, wurde die Abiturientin, dann die Psychologiestudentin Christa Karras. Wenn die heutige Frau Doktor der Philosophie erzählt, tut sie das bestimmt, aber auch geduldig und versöhnlich.

Ihre Erfahrungen aus der Braunschweiger Frauenbewegung brachten Christa Karras eine Stelle an der Universität in Hannover ein. Die Studentinnen hatten sich für sie stark gemacht, „Praxis war gewünscht“. Christa Karras war wissenschaftliche Mitarbeiterin und die erste Frau am Institut für Politische Wissenschaften. Mit fünf Tutorinnen, die sie ausbildete, wälzte die Frauenrechtlerin Literatur, baute einen Frauengrundkurs auf, stellte ein Lesebuch mit Grundlagen zur Frauenpolitik zusammen. Pionierarbeit. Besonders schön zu sehen: „Vier der fünf Tutorinnen und viele meiner damaligen Studentinnen sind heute im politischen Bereich tätig.“

Politisch bekennt Christa Karras Farbe: Grün! „Ja, das ist meine Partei, mit allen Höhen und Tiefen.“ Als Frauenreferentin der grünen Landtagsfraktion, als Mitglied im Präsidium des Bundesfrauenrates von Bündnis 90/Die Grünen, als Staatssekretärin im ersten Niedersächsischen Frauenministerium – Christa Karras hat immer Wege gesucht und auch gefunden, frauenpolitisch aktiv zu sein. Nach wie vor. „Ich bin eine Quotenfrau!“, das sage sie ganz offensiv und darauf sei sie stolz. „Die Quote bei den Grünen, ist die Chance, die ich genutzt habe.“

„Wütend bin ich nicht mehr, weil ich sehe, was wir alles erreicht haben“, resümiert die stellvertretende Vorsitzende des Landesfrauenrats Niedersachsen. Baustellen gebe es allerdings noch viele: Gleiche Bezahlung für gleichwertige Arbeit beispiels- weise. Tagesschulen. Eine gesetzlich gesicherte Finanzierung für Frauenhäuser. Und sie möchte, dass sich die gesellschaftliche Realität der Geschlechter in den Parlamenten abbildet: „Fifty-fifty!“, also mindestens 50 Prozent Frauen. „Das ist heute noch völlig unrealistisch, aber ich will’s!“ Und als sie das sagt, lacht Christa Karras herzlich.

Was mich bewegt:
„Die Qualifikation, die ich mir im Ehrenamt erarbeitet habe, konnte ich auch beruflich nutzen. Es war die Chance, mich weiterzuentwickeln – immer in Kooperation mit anderen Frauen. Außerdem sehe ich es als Verpflichtung, dem Staat, der mich als Pensionärin finanziert, etwas zurückzugeben.“

Ehrenamt:
Stellv. Vorsitzende Landesfrauenrat / Aufsichtsrat Klinikum Braunschweig / Vorstand Stiftung Leben und Umwelt / Mitgliederversammlung Heinrich-Böll-Stiftung/Sprecherin LAG Frauenpolitik Bündnis 90/Die Grünen / Verwaltungsausschuss Staatstheater Braunschweig

Porträt Dr. Christa Karras als Download

Text und Audiobeitrag: Andrea Schwyzer

Fotos: Erika Ehlerding