"Es gibt noch viele Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern."

 

Oft gehe es um schief gelaufene Partnerschaften: Um Trennung, Scheidung, akutes Gewalterleben. Die Frauen werden von den Männern gedemütigt, vor den eigenen Kindern oder anderen Leuten schlecht gemacht, werden kontrolliert, gestalkt. „Ich würde für den Hund mehr bezahlen als für dich!“ Jutta Wienand zitiert Sätze, die Frauen dazu bewegen, sich bei der Frauenberatung Neustadt Hilfe zu holen. Sätze, die zeigen, dass solche Männer kein Unrechtsbewusstsein haben. „Jede Frau bringt ihre eigene Geschichte mit und entsprechend individuell arbeiten wir“, erzählt Jutta Wienand. Die Frauen müssen an Selbstvertrauen gewinnen, um einen anderen Weg gehen zu können.

Was sich zeigt: „Es ist anders als noch vor 20 Jahren, das Bewusstsein gegenüber dem Thema Gewalt an Frauen hat sich verändert.“ Es gibt Gesetze, die Frauen und auch ihre Kinder vor Gewalt schützen sollen, allerdings können sich die Betroffenen noch nicht selbstverständlich auf ihre Rechte berufen.

Jutta Wienand spricht mit Nachdruck. Geradeaus. Realitätsnah. Ernsthaftigkeit ausstrahlend. Und doch hat sie etwas sehr Schelmisches an sich. Sie nimmt einen Schluck von ihrem Cappuccino, der Blick ihrer grau-blauen Augen ist hellwach.

Die Beratungsarbeit wird bezahlt. Um die Wertschätzung der Frauen nachhaltig zu verbessern, braucht es aber zwingend eine Bewusstmachung in der Öffentlichkeit. Lobbyarbeit und überregionaler Austausch: „Das A und O“, ist Jutta Wienand überzeugt. Sie engagiert sich im Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe und im Verbund der Niedersächsischen Frauen- und Mädchenberatungsstellen gegen Gewalt sowie im Landesfrauenrat Niedersachsen.

Sie steht im Dialog mit Frauenhäusern und Beratungsstellen, arbeitet mit dem Landespräventionsrat zusammen, diskutiert in Neustadt am runden Tisch, leistet Gremienarbeit, erregt Aufmerksamkeit durch Plakatkampagnen, referiert, klärt auf. Immer auch in Bezug auf die Frage: „Was ist politisch machbar?“ Und da die Sozialpädagogin nach wie vor Beratungen anbietet, weiß sie genau, wovon sie spricht. Diese Doppelrolle ist ihr wichtig. „Es beeinflusst und verändert einen, wenn man mit destruktiven Bereichen der Gesellschaft zu tun hat“, und genau deswegen sei diese Vernetzungsarbeit für sie umso wichtiger, sagt Jutta Wienand. „Weil viel Kreatives entsteht, wir viel Spaß haben und motiviert sind!“ Überhaupt spricht die 55-Jährige ausschließlich von „wir“ und nie von „ich“.

Spaß? Oft werde ihnen, die sich für die Rechte von Frauen einsetzen, nachgesagt, sie hätten keinen Humor, seien prüde, männerfeindlich sowieso. Die Kunst sei es, sich nicht davon beirren zu lassen, sondern sich allein auf den Inhalt zu konzentrieren, sagt Jutta Wienand. Überhaupt mag die kecke Frau Klischees nur dann, wenn mit ihnen liebevoll gespielt wird. Das Festhalten an und Vermitteln von stereotypen Geschlechterrollen schade sowohl Frauen als auch Männern und werde der Vielfältigkeit der Menschen nicht gerecht.
Der Kampf gegen Gewalt an Frauen wird Jutta Wienand auch weiterhin beschäftigen, denn: „Das Thema ist in Bewegung und das wird es noch lange bleiben.“

Was mich bewegt:
"Sich zu engagieren empfinde ich als Bereicherung, als Lebensqualität. Es geht um einen ideellen Wert. Wir sind individuelle UND soziale Wesen und das Engagement verbindet und trägt uns auf der Gemeinschaftsebene: Eine für alle, alle für eine!"

Ehrenamt:
Politische Lobbyarbeit im Verbund der niedersächsischen Frauen- und Mädchenberatungsstellen gegen Gewalt / Landesfrauenrat Niedersachsen / div. Kampagnen und Veranstaltungen

Porträt Jutta Wienand als Download

Text und Audiobeitrag: Andrea Schwyzer

Fotos: Erika Ehlerding