"Tod, Sterben und Abschiednehmen sind in unserer Gesellschaft ein Tabu."

Ihr erster Gedanke als sie 2003 in Rente ging? „Erst einmal ausschlafen und mich um meine Familie und meine Freunde kümmern.“ Als sie sich selbst zitiert, lacht sie ihr heiteres, rauhes und langes Lachen. Es war diese endlich einmal frei verfügbare Zeit, die Wiebke Andresen schlussendlich zur Hospiz-Arbeit brachte. Das Ende. „Die Tatsache, dass das Leben zu Ende geht – endlich ist – ist auch eine Art Lebens-Philosophie“, sagt Wiebke Andresen unverblümt. Wenn man mit dem Tod „im Reinen“ sei, lebe man bewusster, ist die heute 70-Jährige überzeugt. Das sei außerdem die Voraussetzung, sich als Sterbebegleiterin ausbilden zu lassen.

 

„Die meisten haben noch nie einen Toten gesehen. Dabei ist das ja gar nicht so schlimm.“ Wiebke Andresen denkt an ihre Tante, der sie während der letzten Atemzüge die Hand gehalten hatte. Voraus ging die Betreuung der Verwandten, die sie als Nichte übernehmen wollte und dank der arbeitsfreien Zeit auch konnte. Es sei nicht so, dass sie in ihr Ehrenamt reingerutscht wäre: „Ich habe mich damals aktiv dazu entschlossen, Begleitung im ambulanten Bereich zu machen.“

Daraufhin machte die Kielerin den Kurs zur Sterbegleiterin – „Man kann nicht einfach kommen und sagen „Ich hab euch alle lieb!““ – und betreute fortan Sterbende und ihre Angehörigen, jeweils in deren Zuhause. Zuhören und einfach nur da sein – oft gehe es einzig darum. „Die Vorstellung, dass derjenige, der stirbt, alleine ist, ist uns fremd. Und das wollen wir alle nicht.“ Was Wiebke Andresen bedauert: Seit sie Vorsitzende der Hospiz-Initiative Salzgitter e.V. ist, fehlt ihr die Zeit, um Kranke zu begleiten. Aber wer sonst kümmert sich um all die Ehrenamtlichen, erledigt den Organisationskram für sie, damit sie arbeiten können? Wiebke Andresen besetzte immer schon schnell Führungspositionen. Vielleicht liegt das an ihrer direkten, ehrlichen Art. Sie scheint niemandem gefallen zu müssen, sagt, sie hasse den bürokratischen „Eiertanz“, den ein Verein mit sich bringe und ihn unflexibel mache, sehe aber auch die Notwendigkeit in der Vorstandsarbeit. Die Finanzierung muss gewährleistet werden, genauso wie die Ausbildung und Qualifikation der Freiwilligen. Ab- und Rücksprachen seien unumgänglich: Mit der Gemeinde, den Krankenhäusern, mit Versicherungen und Anwälten. Anders wäre es beispielsweise nie möglich gewesen, ein neues Hospiz zu bauen. Umzug: 2014. Der Kampf darum sei die reinste Knochenarbeit gewesen: „Aber man weiß ja, warum man es tut“, sagt Wiebke Andresen und steckt sich eine Zigarette an. Das blaue Armband umspielt dabei ihr Handgelenk. Ein Geschenk ihres Mannes, der es für sie geknüpft hat. Mit ihm hat die lebenslustige Frau auch eine Stiftung gegründet, die sich unter anderem für leseschwache Menschen einsetzt.

Doch das Ehrenamt kam nicht erst mit den Rentnerjahren. Auch als Bibliothekarin und Bibliotheksdirektorin war sie in verschiedenen Fachverbänden ehrenamtlich tätig „und von der Sinnhaftigkeit, von dem was ich tue, immer absolut überzeugt.“ Wiebke Andresen ist außerdem Mitbegründerin des Zonta-Clubs Salzgitter und arbeitet noch heute in diversen Ausschüssen mit. Nicht engagiert zu sein, kann sie sich gar nicht vorstellen. Denn „nur wenn ich mich einmische, kann ich auch etwas bewegen.“

Was mich bewegt:
„Wenn man miterlebt, dass jemand stirbt, dann sind das bewegende Momente. Es ist aber auch das gute Gefühl, diesen Menschen nicht allein gelassen zu haben. Und dieses „Nicht-alleine-Sein“ ist für viele glaube ich die Motivation dieses Ehrenamt zu machen.“


Ehrenamt:
1. Vorsitzende der 1994 gegründeten Hospiz-Initiative Salzgitter e.V. / Mitbegründerin des Zonta-Club Salzgitter / Stellvertretende Vorsitzende der gemeinnützigen HWA-Stiftung

Porträt Wiebke Andresen als Download


Text und Audiobeitrag: Andrea Schwyzer

Fotos: Erika Ehlerding