Bedeutungslos oder systemrelevant? Vor allem selbstbestimmt!

 

"Ich will nicht nur von Politikern vertreten werden, ich will mich selbst vertreten." Das ist das selbstbewusste Credo der gelernten Kinderkrankenschwester Christa Röder. Deshalb hat sie Anfang der 1980er Jahre mit ihren Mitstreiterinnen zunächst den Arbeitskreis Kinderkrankenpflege und später den Berufsverband Kinderkrankenpflege Deutschland (BeKD) e.V. gegründet. Er steht für eine professionelle Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und setzt sich auf allen Ebenen für eine qualitätsorientierte und entwicklungsfördernde pflegerische Versorgung von Kindern und Jugendlichen ein. Die Vernetzung mit anderen Berufsverbänden und Frauenorganisationen im LFRN war Christa Röder von Anfang an wichtig. "Nur gemeinsam mit allen haben wir die Chance, die Rahmenbedingungen für so genannte typische Frauenberufe zu ändern. Sonst werden Frauen gern überhört", sagt sie. "Der Landesfrauenrat war ein Sprungbrett für uns. Hier können wir anderen Verbänden unsere Probleme mit fachlicher Kompetenz näherbringen. Mehrere Resolutionen zum Thema Pflege brachten uns Anerkennung und Selbstbestimmung."

 

Auf Gemeinsamkeiten und Solidarität setzt ihr Verband auch im Zusammenwirken mit anderen Pflegeberufen. So ist der BeKD von der Pflegekammer für Niedersachsen überzeugt. "Wir haben über Jahrzehnte Selbstbestimmung eingefordert und die Pflegekammer ist ein Instrument der Selbstbestimmung. Es gab Startschwierigkeiten und leider auch viel Unkenntnis. Bisher wurden Pflegekräfte eher nicht um Stellungnahme gebeten, wenn es um Pflegethemen ging. Mit der Pflegekammer sind wir jetzt präsent und können uns laut zu Wort melden." Glasklar, dass die Akteurinnen mit 19 Partnerinnen und Partnern (darunter auch der LFRN) die Kundgebung "Nurses for future" Anfang März in Hannover unterstützten. "Wir Pflegefachpersonen erheben uns und lassen uns nicht mehr alles gefallen. Wir fordern die Rahmenbedingungen ein, die wir für die Erfüllung unserer Aufgaben brauchen", heißt es in dem Demoaufruf.

 

Und dann? COVID-19! Von heute auf morgen stehen urplötzlich und mit nie dagewesener Aufmerksamkeit Pflegekräfte im Rampenlicht – ganz anders als das Demobündnis es sich vorstellte. In diesem Frühjahr legt das Coronavirus das gesellschaftliche Leben lahm und aus Verantwortung für die Patienten und ihre Angehörigen wurde die Kundgebung auf später verschoben. Während Straßen leergefegt sind, häufen Pflegekräfte Überstunden in überfüllten Kliniken an und setzen sich Tag für Tag selbst dem Ansteckungsrisiko aus. Sie machen einen hochriskanten Job bei mäßiger Bezahlung. Und: In den Berufsgruppen, die existenzielle Lebensbereiche umfassen, ist der Frauenanteil hoch. Laut Statistischem Bundesamt arbeiten hierzulande 3,5 Millionen Frauen und 1,1 Millionen Männer im gerade stark geforderten Gesundheits- und Sozialwesen, 76 Prozent der Beschäftigten in Krankenhäusern sind Frauen. Schlagartig wird bewusst: Die Pflege ist systemrelevant. Und es sind die Frauen, die unsere Gesellschaft zusammenhalten.

 

Christa Röder, ihre Mitstreiterinnen und die Aktiven bei Nurses for future setzen darauf, dass die Menschen nicht vergessen, was sie in diesen Tagen für uns alle leisten. "Die Wertschätzung der Pflegefachkräfte darf nicht nur verbal Erwähnung finden. Jetzt ist die Zeit, über Veränderungen zu verhandeln", so Christa Röder. Die Rahmenbedingungen, wie der Stellenschlüssel, verlässliche Arbeitszeiten und die Arbeitsplatzgestaltung, und nicht zuletzt eine einheitliche tarifliche Vergütung müssten sich endlich verbessern. "In der Corona -Krise sehen wir wie schnell finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden können. Eine angemessene Bezahlung der Pflegefachkräfte war trotz aller Forderungen in den letzten Jahren nicht möglich", betont sie. "Bitte in den Talk Shows nicht nur reden, sondern auch danach handeln!"

 

Links zum Thema

BeKD: https://bekd.de/

Pflegekammer: https://www.pflegekammer-nds.de/

Nurses for future: https://future-for-nurses.de/

Demoabsage: https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Verschiebung-der-Grosskundgebung-NURSES-FOR-FUTURE.php

 

LFRN-Resolutionen:

Einrichtung einer Pflegekammer in Niedersachsen (2007)

Kinder sind unsere Zukunft! (2000)

Pflege als Frauenproblem (1992)

Pflege im Umbruch (1990)

 

Pressemitteilung:

Bedeutungslos oder systemrelevant? Rahmenbedingungen für sogenannte "Frauenberufe"verbessern (2020)

 

Foto: Nurses for future