Jahresempfang des LFRN

Festrednerin am 23. September ist Rebecca Harms. Für den LFRN hat sie ein Interview gegeben

Am 23. September 2019 findet der Jahresempfang des Landesfrauenrates ab 17 Uhr in der Börse Hannover mit der Festrednerin Rebecca Harms (ehem. MdEP) statt. Die ehemalige Europaabgeordnete war Vorsitzende der Grünen-­Fraktion im Europaparlament.  Rebecca Harms gehört zu den vehementen Verfechterinnen einer ehrgeizigen Klima­ und Energiepolitik und der nachhaltigen Entwicklung. Geprägt von der Bürgerbewegung gegen das atomare Endlager Gorleben in ihrer Heimat beschäftigt sie die weltweit ungelöste Frage, wo und wie Atommüll sicher gelagert werden kann, bis heute.

Das Grußwort beim Jahresempfang hält Martina Chudziak vom Regionalvorstand FidAR Nordwest, Frauen in die Aufsichtsräte - FidAR e.V.

Hier finden Sie den Einladungsflyer. Anmeldungen zum Jahresempfang bitte an buero@landesfrauenrat-nds.de

(Foto: Ernst Bögershausen)

 

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 „Wir wollten nicht nur Arbeit und Verantwortung übernehmen, wir wollten auch Anführerinnen sein.“

 

Frau Harms, Sie haben sich als Frau nicht nur in der Politik, sondern auch in dem starken und von Männern dominierten Bereich Industrie und Energie behauptet und jahrzehntelang erfolgreich Klimaziele verfolgt. Welche Eigenschaften braucht man als Frau, um sich zu behaupten? 
Ich habe 1977, als ich 20 Jahre alt war, die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg mitgegründet und habe damals sehr von der freundschaftlichen Zusammenarbeit mit einigen wesentlich älteren Frauen profitiert. Marianne Fritzen, Undine von Blottnitz oder Lili Wollny haben mich früh bestärkt. Im Gorleben-Protest haben Frauen von Anfang an an der Spitze gestanden. Wir wollten nicht nur Arbeit und Verantwortung übernehmen, wir wollten auch Anführerinnen sein. 

Die 
Anti-Atomkraft-Bewegung hat Sie politisch geprägt. Aber es brauchte das Unglück von Fukushima, damit der Ausstieg aus der Atomenergie zum zweiten Mal beschlossen wurde, sowie die Überprüfung des Endlagervorhabens in Gorleben. Welche Rolle spielte dabei die Anti-Atomkraft-Bewegung?
1977 waren die AtomkraftgegnerInnen eine Minderheit in der Bundesrepublik sowie im Wendland. Wir wurden als Terroristen beschimpft und auch verfolgt und galten für viele als 5. Kolonne Moskaus. Tschernobyl und unsere inhaltliche Arbeit, unsere Strategie des zivilen Ungehorsams und der gewaltfreien Aktion, haben den Grundstein gelegt für die späteren politischen Mehrheitsentscheidungen gegen die Atomenergie. Wir haben es also sehr weit gebracht. Der größte Erfolg für Gorleben ist, dass es einen neuen Anlauf für die Suche nach einem geeigneten Endlager gibt. Der dicke Wermutstropfen ist, dass Gorleben weiter in der Auswahl bleibt. 

Was empfinden Sie heute
Genugtuung? 
In meiner Heimat sollte einer der weltweit größten Standorte zur Behandlung, Wiederaufarbeitung und Lagerung von Atommüll entstehen, in Gorleben wurde aber nur ein kleiner Teil des ursprünglich geplanten Nuklearen Entsorgungszentrums gebaut. Heute bin ich froh, dass aus den meisten Plänen nichts wurde und dass ein verantwortungsbewusster Neubeginn der Endlagersuche möglich wurde. Aber ich klemme mich auch weiter hinter dieses neue Verfahren zur Endlagersuche. Den meisten BürgerInnen ist nicht bewusst, dass es wohl bis gegen Ende dieses Jahrhunderts dauern wird, bis ein Endlager in Betrieb gehen könnte. Die Zwischenlager für hochaktiven Müll sind nicht für solche Zeiträume konzipiert. 

Wie hat der Kampf um Gorleben Niedersachsen verändert?
Als Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht 1979, nach einer mehrtägigen Blockade von Bohrfahrzeugen in Lüchow durch die Bäuerliche Notgemeinschaft, erklärte, dass zumindest die Wiederaufarbeitung politisch nicht durchsetzbar sei, wendete sich das Blatt das erste Mal zu unseren Gunsten. Das war kurz nach dem Treck nach Hannover, mit dem es uns geglückt war, Hunderttausende zu mobilisieren und aus Gorleben ein nationales Thema zu machen. Wir WendländerInnen haben einen großen Anteil, nicht nur am Atomausstieg, sondern auch daran, dass die ökologische neben die soziale Verantwortung aufrückte. Ich denke, dass wir im Wendland angefangen haben, das Verhältnis zwischen Bürger und Staat zu verändern: Die Bürgergesellschaft, in der BürgerInnen mehr Verantwortung übernehmen und Politik und Staat verantwortlich gegenübertreten, hatte bei uns einen ihrer Anfänge. Viele meiner FreundInnen im Wendland haben die Grünen mitgegründet, weil sie davon überzeugt waren, dass der Weg in die Parlamente für eine erfolgreiche Umweltpolitik unverzichtbar sei. Sie hatten recht.  

Was war bei den Demonstrationen in den 1970ern anders als bei den Fridays for Future-Demonstrationen heute?
Die Anliegen gleichen sich. Wir haben die Erde nur von unseren Kindern gepachtet. Das war schon 1977 eine unserer wichtigsten Ideen und Parolen. Allerdings hatten wir keine Partei, keine Umweltministerin, keine Kanzlerin und auch nur sehr wenige WissenschaftlerInnen oder JournalistInnen, die uns ernst genommen oder sich hinter uns gestellt haben. Ich sehe die neue Bewegung der jungen Leute für Klima- und Umweltschutz eher als eine Fortsetzung und anknüpfend in Inhalt und Form an etwas, was schon aufgebaut wurde. Die Aktionen im Hambacher Forst erinnern mich sehr stark an die gewaltfreien Aktionen gegen die Castortransporte. 

FfF fordert, die globalen CO2-Emissionen zu senken. Der Weg dorthin wäre, Maßnahmen zu finden, die von der Mehrheit der Wählerinnen und Wähler akzeptiert und damit umsetzbar werden. Und zwar in möglichst vielen Industriestaaten. Sind diese Forderungen realistisch oder besteht ein zu großer Graben zwischen Wunsch und Wirklichkeit?
Jede große politische Maßnahme muss auf ihre sozialen Folgen überprüft werden. Um die Verbrennung von fossilen Rohstoffen und die Verschwendung von begrenzten Ressourcen zu beenden, ist sehr viel Veränderung nötig. Dafür muss auf alles gesetzt werden: Neue Technologien, staatliche Gesetze und Förderungen aber auch Veränderung von Gewohnheiten und Lebensstil.  Damit die Ziele der Pariser Klimakonferenz erreicht werden können, müssen sich die Energiewirtschaft und unsere Mobilität verändern. Wie und was wir produzieren, wie wir Land bewirtschaften, wie wir bauen und wohnen – all das müssen wir überdenken und umgestalten. Wir brauchen außer dem Protest eine Verständigung über das wie, wer und wann dieser Umgestaltungen. PolitikerInnen müssen dabei die Übersetzungs- und Verständigungsarbeit in der Wirtschaft, mit Gewerkschaften und der Gesellschaft tragen. Eine meiner Lieblingsideen ist die Aufsetzung eines Klimavertrages der Europäischen Union. Mit ehrgeizigen Rahmenbedingungen, gesetzlichen Klimazielen, Anreizprogrammen und auch Subventionen sollten Projekte wie der Ausbau von erneuerbaren Energien, Energieeffizienz oder auch ein Europäisches Schnellbahnsystem verwirklicht werden. Innovation durch Klimaschutz in der EU, das ist das richtige Angebot Brüssels an die Fridays for Future-SchülerInnen. 

Sie haben nach 15 Jahren dem EU-Parlament den Rücken gekehrt und lassen neben ihrem Engagement für die Klimapolitik eine große Lücke, was die Verständigung zwischen Ost- und Westeuropa angeht. Besonders viel haben sie in der Ukraine gearbeitet. Werden Sie das vermissen? 
Der Fall des Eisernen Vorhangs hier bei mir zuhause hat mich 1989 sehr beeindruckt und bewegt. Meine Heimat war nach Osten plötzlich offen, ohne dass ich mich dafür engagiert hatte. Ein Geschenk des Ostens an den Westen. Ich habe als Bürgerin und später als Politikerin des Zonenrandgebietes erlebt, wie schwierig es dann doch war mit der Wiedervereinigung. Ein sehr früher Besuch in Tschernobyl im Sperrgebiet zwei Jahre nach der Explosion des Reaktors hat zu meiner tiefen Verbundenheit mit dem Land geführt, das damals noch Teil der Sowjetunion war. Ich habe mich 2004 entschieden, aus der Landespolitik in Niedersachsen nicht nach Berlin, sondern nach Brüssel aufzubrechen, weil in diesem Jahr der Prozess der Wiedervereinigung auf dem Kontinent weiterging. Ich wollte mich mit den Erfahrungen nach 1989 und mit meiner Freundschaft zum Osten Europas für das Gelingen der wachsenden Europäischen Union einsetzen. Und ich sage aus vollem Herzen und trotz aller Probleme, dass die Wiedervereinigung und der Beitritt so vieler Staaten Zentral- und Südosteuropas so wunderbar wie richtig sind. Dass Putin mit Krieg und Besatzung gegen den Weg der Ukraine in Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und in die EU vorgehen würde, habe ich nicht erwartet. Meine Erlebnisse an der Front im Osten der Ukraine sitzen so tief wie der Besuch in Tschernobyl. Ich werde auch nach meiner Zeit in Brüssel weiter daran mitarbeiten, dass die Ukraine die demokratischen Ziele des Maidan verwirklicht und den Kampf gegen Korruption gewinnt. Letztlich werden sich die UkrainerInnen damit auch gegen Putin durchsetzen. Mehr und mehr BürgerInnen Russlands fragen sich heute schon, warum in der Ukraine Präsidenten und Parlamente frei gewählt werden, in Moskau aber noch nicht einmal der Bürgermeister.  

Sie kommen am 23.9. als Festrednerin zum Jahresempfang des Landesfrauenrates Niedersachsen nach Hannover. Was bringen Sie mit?
Es ist schön nach Hause zu kommen und zu sehen, dass ich in Niedersachsen noch nicht vergessen bin. Ich bin auch neugierig auf die Frauen im Landesfrauenrat und ihre Fragen zu meiner Einschätzung der EU, der Klima- und der Flüchtlingspolitik und was sie sonst bewegt. 

 

 

 

Nichts verpassen! Newsletter 06/2019

Der aktuelle Newsletter des Landesfrauenrates ist da!

Ab sofort ist der aktuelle Newsletter des Landesfrauenrates online! Lesen Sie Wissenswertes rund um unsere Feierlichkeiten u.v.a.m. Hier ist der Newsletter Nr. 6/2019 zu lesen!

 

Möchten Sie den Newsletter abonnieren? Dann melden Sie sich gerne an unter: https://www.landesfrauenrat-nds.de/newsletter.html. Im August erscheint die nächste Ausgabe.

 

Bei Rückfragen schicken Sie uns gerne eine Mail an: buero@landesfrauenrat-nds.de

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Geschlechtervielfalt Fachtagung

Am 26.10. im Bildungs- und Tagungszentrum HVHS Springe e.V.

Das dritte Geschlecht wird seit Anfang des Jahres im Personenstandsregister geführt. Anlass für den Landesfrauenrat, das Thema Geschlechtervielfalt mit einer Tagung am 26. Oktober 2019 in Springe zu beleuchten. In dieser Fachtagung gehen wir der Frage nach, wie sich die Vielfalt der Geschlechter im Alltag, aber auch in der Gleichstellungspolitik bemerkbar macht.

Impulsgeberin zum Thema ist Dr. Christine M. Klapeer von der Georg-August-Universität Göttingen. Themenräume widmen sich den Projekt MOSAIK Gesundheit, den Optionen im Personenstandsrecht und LSBTI* in der Kommune. In einer Podiumsdiskussion diskutieren Vertreter*innen aus Politik, Verwaltung und Verbänden über geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in Niedersachsen. Für die fachliche Unterstützung bei der Vorbereitung danken wir LiN (Lesbisch in Niedersachsen).


Die Veranstaltung findet von 9.30 bis 13.00 Uhr in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Niedersachsen statt.

Das vollständige Programm finden Sie hier>>

Diskutieren Sie mit uns. Anmeldung bitte bis zum 12.10. an: buero@landesfrauenrat-nds.de. 


Foto: shutterstock

Gesunde Geburt

Sicherung der flächendeckenden Geburtshilfe

Die Forderung nach Sicherung der flächendeckenden Geburtshilfe ist ein weiteres Best Practice Beispiel in dieser Rubrik LFRN 5.0.

 

Zum Jubiläum 50 Jahre LFRN erzählen wir hier auf der LFRN-Website Geschichte und Geschichten, streiten für Feminismus und dokumentieren Veranstaltungen rund ums Frauenengagement in Niedersachsen. Wir wollen Kampagnen vorstellen, weibliche Vorbilder fürs Ehrenamt sichtbar machen und den Spot auf unsere Mitgliedsverbände richten. Gemeinsam bilden wir ein überaus vielfältiges und engagiertes Netzwerk von Frauen für Frauen und stehen für die Erfolge in der Frauen- und Gleichstellungspolitik, die wir gemeinsam für Niedersachsen erstritten haben.

 

Zur Rubrik LFRN 5.0

 

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